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Klassische Konditionierung im Hundetraining

Klassische Konditionierung ist ein lerntheoretisches Prinzip des Behaviorismus. Es besagt, dass ein angeborenes, willentlich nicht steuerbares Verhalten (Reflex) durch Lernen an ein neues Verhalten gekoppelt werden kann. Die Theorie geht zurück auf den Physiologen Iwan Pawlow (1849 - 1936), der in Versuchen mit Hunden herausfand, dass der Speichelfluss (Reflex / unkonditionierte Reaktion) allein schon durch einen Glockenton (neutraler Reiz) ausgelöst werden kann, wenn dieser zuvor bei jeder Gabe von Futter (unkonditionierter Stimulus) regelmäßig ertönte. So wird der vormals neutrale Reiz (Glocke) zu einem konditionierten Auslöser für Speichelfluss.

Wichtig sind bei der klassischen Konditionierung ausreichende Wiederholungen, auch in verschiedenen Kontexten.

 

Klassische Konditionierung im Hundetraining

 

Ja, toll, toll, werden Sie jetzt denken, ich will meinem Hund ja nicht das Sabbern beibringen. Neee, das ist klar! Aber diese lerntheoretische Gesetzmäßigkeit machen wir uns im Hundetraining und der Verhaltenstherapie ganz oft zunutze. Denn unkonditionierte Reaktionen wie den Speichelfluss gibt es auch an ganz vielen anderen Stellen:

  • Beeinflussung positiver wie negativer Emotionen durch
  • Ausschüttung von Hormonen (Stresshormone, Oxytocin)
  • Konditionierung von eingangs neutralen Stimuli wie Clicker, Hundepfeife, Markerwort

Konditionierung der Hundepfeife

 

Bei der Konditionierung der Hundepfeife etwa setzt man die Pfeife (den neutralen Reiz) dazu ein, eine Reaktion zu konditionieren. Dazu gibt man immer maximal eine Sekunde vor der Fütterung das Pfeifensignal. Hier braucht es genügend häufige Wiederholungen, bis die Verknüpfung zwischen Pfeife und Futter im Hundehirn bombenfest sitzt. Dann kommt der Hund in Erwartung von Futter jedes Mal angerannt, wenn Sie pfeifen. Natürlich müssen Sie ihn auch in Zukunft fürstlich belohnen, damit die Verknüpfung nicht wieder gelöscht wird!

 

Konditionierte Entspannung

 

Selbst Entspannung lässt sich trainieren. Dabei macht man sich die Ausschüttung des Wohlfühlhormons Oxytocin (unkonditionierte Reaktion) zunutze. Das wird ausgeschüttet, wenn der Hund durch Streicheleinheiten in entspanntem Zustand verwöhnt wird. Knüpft man diese Entspannung durch bestimmte Berührungen nun regelmäßig und über einen längeren Zeitraum an ein Signalwort ("ruuuhig", "eeaaaasyyy", "entspaaaaannt", "relaaax"), eine Musik (bitte kein Heavy Metal) oder einen bestimmten Duft (Lavendelöl, Vanille), kann man nach der Konditionierungsphase allein durch Gabe dieser vormals neutralen Reize den Hund in Entspannung (konditionierte Entspannung) bringen.

 

Clickertraining: Click für Blick

 

Auch im Clickertraining kommt die klassische Konditionierung zum Einsatz. Der Clicker ist der ursprünglich neutrale Reiz, der beim Hund durch die Konditionierung (nahezu zeitgleiche Koppelung von Clickgeräusch und Gabe von Leckerli) zu einer positiven Erwartungshaltung führt. Ich arbeite zum Beispiel bei Leinenaggression, sowie bei Unsicherheiten und Ängsten gegenüber Menschen, Hunden, Tieren oder Gegenständen gerne mit Click für Blick. Zeigt ein Hund auf der Straße etwa unsicheres Abwehrverhalten wie Verbellen gegenüber fremden Kindern, wird mit Click für Blick an der Emotion des Hundes gearbeitet. Der Hund hat sich bisher immer schlecht gefühlt, wenn er fremde Kinder sieht. Nun wird gegenkonditioniert: Jedes Mal, wenn der Hund ein fremdes Kind erblickt, wird geclickt und der Hund erhält eine Belohnung. Wichtig ist, eine Distanz zu wählen, in der der Hund noch ansprechbar ist und nicht schon Abwehrverhalten zeigt. Mit jeder Wiederholung lernt der Hund, dass immer etwas Schönes passiert, wenn er Kinder sieht: Er bekommt ein Leckerli. So wird die negative Emotion beim Anblick der Kinder mit der Zeit zu einer positiven Erwartungshaltung. Besonders schön daran ist, dass der Hund gleichzeitig lernt, sich zu seinem Frauchen oder Herrchen umzuorientieren. Dann wird sukzessive die Distanz zum auslösenden Reiz (Kind) verringert, wobei immer darauf geachtet werden muss, dass der Hund nicht in Stress kommt. Neben der klassischen (Gegen-)Konditionierung kommen hier also auch die instrumentelle Konditionierung und systematische Desensibilisierung als Maßnahmen zum Einsatz.

 

Nicht mehr wegzudenken

 

Entscheidend für den Erfolg der klassischen Konditionierung sind das Timing bei der Koppelung von neutralem Reiz und unkonditioniertem Reiz, sowie die Wiederholungsrate. Es gibt noch zahlreiche weitere Beispiele für die Anwendung der klassischen Konditionierung im Hundetraining. Sie ist neben der operanten und instrumentellen Konditionierung eines der wichtigsten Instrumente für gewaltfreies Lernen in modernen Hundeschulen.

Inhaberin: Isabel Boergen ♥ Hundetrainerin

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