Junghunde verstehen statt verzweifeln: Typische Probleme in der Pubertät – und wie Du sie wirklich löst

 

Dein Welpe hört mit dem Zahnwechsel plötzlich schlechter, entfernt sich physisch und mental von Dir und reagiert stärker und emotionaler auf Umweltreize? Willkommen in der Junghundezeit!

 Viele Halterinnen und Halter erleben diese Phase als anstrengend. Dabei ist sie vor allem eines: ein natürlicher Entwicklungsschritt. Wer versteht, was im Gehirn und im Hormonhaushalt eines Junghundes passiert, kann gelassener und wirksamer handeln.

Als Expertin für Welpen und Junghunde begleite ich besonders viele Jungspunde durch diese Zeit. Und eines zeigt sich immer wieder: Entwicklung lässt sich nicht wegtrainieren – aber sinnvoll begleiten.

Was passiert im Gehren eines Junghundes?

 

Zwischen dem 6. und 18. Lebensmonat (je nach Rasse und Individuum) findet eine massive neurologische Umstrukturierung statt.

Umbau im Gehirn

  • Das limbische System (zuständig für Emotionen) arbeitet auf Hochtouren.

  • Der präfrontale Cortex (Impulskontrolle, vorausschauendes Handeln) ist noch nicht vollständig ausgereift.

  • Synapsen werden neu verknüpft oder abgebaut („synaptic pruning“).

Das bedeutet:
Emotionen sind stark, Impulskontrolle ist noch im Aufbau.

Dein Junghund kann in vielen Momenten schlicht noch nicht so reagieren, wie Du es Dir wünschst – selbst wenn er es theoretisch gelernt hat.

 

Hormonelle Veränderungen

Mit der Geschlechtsreife verändert sich der Hormonspiegel deutlich:

  • Testosteron beeinflusst Risikobereitschaft und Konkurrenzverhalten

  • Östrogene wirken sich auf Sozialverhalten und Sensibilität aus

  • Stresshormone werden schneller ausgeschüttet

Diese hormonellen Prozesse wirken direkt auf Verhalten, Reizverarbeitung und Frustrationstoleranz.

Wichtig zu wissen: Hormone sind keine Ausrede – aber eine Erklärung. 

Typische Junghundeprobleme - und was dahinter steckt

 

1. „Er hört plötzlich nicht mehr“

Der Rückruf klappt nicht mehr zuverlässig, Signale werden ignoriert.

Ursache:

  • Erhöhte Umweltorientierung

  • Stärkere Eigenständigkeit

  • Reifungsprozesse im Gehirn

Lösung:

  • Management statt Dauerfrust

  • Schleppleine als temporär und punktuell eingesetztes Sicherheitsinstrument

  • Rückruf mit bedürfnisgerechter Belohnung aufbauen – Futter, Action, Spiel

  • Training unterhalb der Reizschwelle - Erregungslevel senken geht immer vor Training!

Konsequenz ersetzt in dieser Phase keine Entwicklung.

 

2. Leinenaggression oder Pöbeln

Gerade in der Pubertät zeigen viele Junghunde reaktives Verhalten an der Leine.

Mögliche Hintergründe:

  • Soziale Unsicherheit

  • Frust durch blockierten Kontakt

  • Hormonell verstärkte Konkurrenz

Hier braucht es eine sorgfältige Analyse. Nicht jedes Pöbeln ist Aggression. Häufig ist es Überforderung in Kombination mit überschießenden Emotionen, Frust und mangelnder Impulskontrolle.

Ihr braucht keine Korrektur, sondern Begegnungstraining, Sozialkontakte, Distanzarbeit und der Aufbau alternativer Strategien.

 

3. Jagdverhalten nimmt zu

Plötzlich ist der Wald spannender als alles andere:

  • Explorationsverhalten steigt

  • Risikobereitschaft wird hormonell beeinflusst

  • Selbstbelohnende Verhaltensketten entstehen

Hier ist frühzeitiges Training entscheidend:

  • Umgang mit Frustration in Alltagssituationen üben
  • Impulskontrolle angepasst (!) im Alltag fördern - Warten und Geduld lohnen sich

  • Bedürfnisgerechte Auslastung

  • Verlässlicher Rückruf

  • Management in wildreichen Gebieten

4. Grenzen testen?

Viele Junghunde scheinen plötzlich alle Regeln des Zusammenlebens vergessen zu haben. Das ist kein Machtkampf, sondern Entwicklung.

In dieser Phase entwickelt sich:

  • Selbstständigkeit

  • Frustrationstoleranz

  • Sozialverhalten

Wichtig sind:

  • Klare, faire Strukturen

  • Ruhige Konsequenz

  • Verlässlichkeit

Wer jetzt ungeduldig wird und mit Härte und Dominanzgedöns auf den Junghund einwirkt, riskiert Vertrauensverlust und schadet langfristig der Bindung zu seinem Hund.

Entwicklung lässt sich nicht wegtrainieren!

Ein zentraler Punkt:

Pubertät ist kein Trainingsfehler. Sie ist Biologie.

Du kannst:

✔ Selbstwirksamkeit und Selbstbewusstsein fördern
✔ Orientierung stärken
✔ Sicherheit geben
✔ Training anpassen

Aber Du kannst nicht erwarten, dass ein Junghund sich wie ein erwachsener Hund verhält. Erst mit zunehmender Reifung stabilisieren sich Verhalten und Nervenstruktur dauerhaft.

1. Erwartungen realistisch anpassen

Fortschritt verläuft nicht linear.

2. Erregungsniveau im Blick behalten

Lernen findet am besten im regulierten Zustand statt. Gibt es Training, Aufmerksamkeit und Belohnungen immer in hohen Erregungslagen, lernt der Hund: Aufregung lohnt sich! (Im Gegensatz zu Emotionen wie Angst kann man bei physiologischen Zuständen wie Erregung und Entspannung nämlich sehr wohl konditionieren.)

3. Bedürfnisorientiert trainieren

Sozialkontakt, Bewegung, Schnüffeln – all das sind keine „Belohnungen“, sondern Grundbedürfnisse.

4. Training alltagsnah gestalten

Gerade in einer Stadt wie München braucht es realistische Übungssituationen. Ziel ist nicht kurzfristige Symptombekämpfung, sondern nachhaltige Entwicklung.

 

Das Junghundealter ist eine Phase, keine Katastrophe!

 

Inhaberin: Isabel Boergen ♥ Hundetrainerin

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